
Bei der Top Ten Gruppe Nürnberg dürfen Mütter ihre Babys im Büro selbst betreuen. Vorstandsvorsitzender Dieter Schumann sieht das Angebot sehr positiv.
Firmen, die einen hohen Anteil an weiblichen Beschäftigten haben, kämpfen während der gesetzlichen Kindererziehungszeiten häufig mit Personalmangel und Unterbesetzung. Dieses Problem stellte sich auch der Leitung der Zentrale des Finanzexpertenpools. Die Top Ten Gruppe beschäftigt allein in ihrem Stammsitz am Maxtorhof 14 Frauen.
Eine Mitarbeiterin wollte ihre Büro-Tätigkeit unmittelbar nach dem gesetzlichen Mutterschutz fortsetzen. Die noch berufstätige Oma kam als Betreuungsperson nicht in Betracht und in fremde Obhut wollte sie ihr Kind - zumindest in den ersten Monaten - auf keinen Fall geben.
In vielen Gesprächen mit einer Kollegin, die vor 35 Jahren selbst einen Chef hatte, der es ihr damals ermöglichte, ihr Baby mit ins Büro zu bringen, reifte der Gedanke heran, dieses Szenario zu wiederholen.
Die findigen Kolleginnen schilderte dem Vorgesetzten ihre Überlegungen. Dieter Schumann reagierte auf das unübliche Anliegen außergewöhnlich. Er verknüpfte die Interessen von Tanja Reuther mit denen der Firma. Profitiert haben beide. Frau Reuther musste weder eine "Zwangspause" einlegen, noch eine teure Tagesmutter für Tochter Tamara suchen. Sie konnte nach dem Mutterschutz problem- und sorglos ihr Aufgabengebiet weiter betreuen. Die Firma spart sich aufwändiges Einarbeiten einer befristet beschäftigten Angestellten und bindet qualifizierte Mitarbeiterinnen an das Unternehmen. Es funktioniert. Nicht nur bei Tanja Reuther, auch bei der im September 2001 "mit Sohn Julian" neu eingestellten Assistentin der Geschäftsleitung Sandra Benz: "Für mich war das tolle Angebot Auswahlkriterium Nummer eins."
Am Anfang lagen die Kinder auf einer Krabbeldecke neben dem Schreibtisch der Kolleginnen, danach spielten sie im Laufstall und heute fahren die Kinder auf Dreirädern und Bobbycars durch die Büros, sitzen an ihrem Tisch und malen oder spielen. Ein weiteres Büro dient als "Schlafzimmer" für die Kleinen. Hier stehen die Reisebetten für den Mittagschlaf und die Wickelauflagen liegen auf den Schreibtischen.
Beide Kinder haben von Anfang an gelernt Rücksicht zu nehmen, räumen weder Ordnerschränke noch Schubladen aus und wissen auch, dass sie ihren Lärmpegel reduzieren müssen.
Die Kinder gehören zur Belegschaft. Wenn die Mama Stress hat, sind die Kollegen zur Stelle. Ein gutes und eingespieltes Team.
Variable Arbeitsstundenplanung durch Gleit- und Teilzeit-Angebote sind die Basis für das Gelingen eines solchen "Experiments". Pausen können nach den Bedürfnissen der Kleinen eingelegt werden und die Zeit für das tägliche Programm zum Ausgleich des Büroalltags ist sichergestellt.
Und wie reagieren die Kunden auf diese Situation? "Viele Kunden finden das toll und fragen nach den Kindern." antwortet Tanja Reuther. Aber was tun Sie, wenn Ihre Tochter schreit? "Kein Problem. Wenn ich telefoniere, bitte ich den Gesprächspartner um Verständnis und rufe zurück."
Was als Experiment initiiert wurde, hat sich bei der Top Ten Gruppe schon längst etabliert. Bislang hat sich allerdings noch kein neues Baby angekündigt.
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